Wenn Verstehen allein nicht mehr reicht

Wenn du schon länger auf dem Weg bist, dich selbst zu verstehen, hast du sicherlich schon seitenweise Glaubenssätze aufgeschrieben. DIN-A4-Seiten gefüllt mit dem, was du über dich, das Leben und andere Menschen glaubst. Du hast alte Sätze erkannt, hinterfragt und neue formuliert. Du hast umgedeutet, Affirmationen gesprochen und die neuen Sätze gebetsmühlenartig wiederholt und das immer mit dem Ziel, das loszuwerden, was dir nicht mehr dient.

Und eine Weile hat das vielleicht auch sehr gut für dich funktioniert.

Bis zu dem Moment, in dem der alte Satz, der alte Glaube plötzlich wieder auftaucht. Genau dann, als du dachtest, du wärst längst durch damit. Vielleicht nach einer Kritik, einem Fehler oder in einer Situation, in der du das Gefühl hast, nicht zu genügen. Und plötzlich ist dieses alte Gefühl wieder da.

Dann fragst du dich vielleicht: Wie kann das sein? Ich habe das doch längst bearbeitet und ich weiß doch besser.

Du weißt es besser, aber du fühlst es noch nicht

Glaubenssatzarbeit funktioniert. Für bestimmte Dinge und bis zu einem gewissen Grad kann sie unglaublich hilfreich sein. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung heraus sagen. Sie macht sichtbar, was bisher unbewusst war, und eröffnet dir neue Perspektiven.

Aber irgendwann reicht das nicht mehr. Zumindest nicht, wenn du wirklich fertig sein möchtest mit dem alten Glauben und nicht nur mit dem alten Satz.

Denn dein Kopf weiß längst, dass du nicht perfekt sein musst. Dass du gut genug bist. Dass du Fehler machen darfst. Dass du nicht die Erwartungen aller Menschen erfüllen musst.

Und trotzdem kann es sich in bestimmten Situationen ganz anders anfühlen.

Du weißt, dass du Nein sagen darfst, und hast trotzdem Angst, jemanden zu enttäuschen. Du weißt, dass ein Fehler nichts über deinen Wert aussagt und schämst dich trotzdem sofort. Du weißt, dass du gut genug bist, und trotzdem fühlst du dich plötzlich klein und unzulänglich.

Das bedeutet nicht, dass du zu wenig an dir gearbeitet hast. Es bedeutet vielmehr, dass Wissen und Fühlen nicht dasselbe sind.

Manche Muster sitzen tiefer als ein Gedanke

Alte Glaubenssätze sind häufig nicht einfach nur Gedanken, die wir irgendwann einmal gedacht haben. Sie können mit Erfahrungen, Gefühlen und körperlichen Reaktionen verbunden sein.

Vielleicht hast du irgendwann gelernt, dass du leisten musst, um Anerkennung zu bekommen. Vielleicht hast du erfahren, dass Anpassung sicherer ist als Konflikt. Vielleicht hast du gelernt, dass deine Bedürfnisse zu viel sind oder dass Fehler unangenehme Konsequenzen haben.

Aus solchen Erfahrungen können Muster entstehen, die später ganz automatisch ablaufen. Dein Verstand weiß vielleicht längst, dass du heute anders handeln darfst. Aber in bestimmten Situationen reagiert dein System trotzdem noch nach dem alten Muster.

Und genau deshalb hilft es manchmal nicht mehr, dir einfach einen neuen Satz zu sagen.

Denn der alte Glaube sitzt nicht unbedingt dort, wo du ihn mit Worten verändern kannst.

Wenn du aufhörst, dich selbst zu überreden

Vielleicht geht es an diesem Punkt nicht darum, noch mehr zu analysieren, noch mehr zu verstehen oder noch eine bessere Affirmation zu finden. Vielleicht geht es darum, tatsächlich zu fühlen, was da ist.

Angst. Scham. Traurigkeit. Wut. Druck. Das Gefühl, nicht zu genügen.

Nicht, um darin stecken zu bleiben. Sondern um wahrzunehmen, was bisher vielleicht immer wieder weggedacht, erklärt oder verändert werden sollte.

Denn manchmal braucht ein Gefühl keine neue Erklärung. Es braucht Raum.

Und Veränderung entsteht nicht immer dadurch, dass du dir etwas oft genug vorsagst. Manchmal entsteht sie dadurch, dass du eine alte Situation auf eine neue Weise erlebst.

Du setzt eine Grenze und erfährst: Ich darf jemanden enttäuschen und bin trotzdem okay.

Du machst einen Fehler und erfährst: Ich bin deshalb nicht weniger wert.

Du leistest nichts und erfährst: Ich muss nichts tun, um wertvoll zu sein.

Das sind keine neuen Glaubenssätze. Das sind neue Erfahrungen.

Vom Verstehen ins Erleben

Glaubenssatzarbeit ist deshalb nicht falsch. Sie kann ein wichtiger Anfang sein. Aber sie ist nicht der letzte Schritt, wenn es darum geht wirklich in der Tiefe loszulassen.

Irgendwann darf es darum gehen, nicht nur zu verstehen, was du glaubst, sondern zu fühlen, was wirklich in dir lebt.

Denn dein Kopf kann längst verstanden haben, dass du gut genug bist. Und trotzdem kann ein Teil von dir noch etwas anderes glauben.

Das ist kein Zeichen dafür, dass du gescheitert bist. Vielleicht ist es einfach ein Hinweis darauf, dass du an einem Punkt angekommen bist, an dem Verstehen allein nicht mehr reicht.

Wenn du spürst, dass du genau dort angekommen bist und wissen möchtest, wie dieser nächste Schritt für dich aussehen kann, melde dich gerne bei mir.

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner